Was 10 mal "gut ging" wird dadurch nicht Richtig

"Ist ja nochmal gut gegangen!" - Ein Ausspruch, den wir alle kennen. Wir sagen damit indirekt, dass Glück im Spiel war....

Beim Fliegen - aber natürlich nicht nur dort - verhalten wir uns zuweilen ganz ähnlich. Wir sind getrieben vom Wunsch "Abzuheben" und schieben deswegen bewusst bestehende Bedenken und sogar Warnhinweise zur Seite. Dieses Ausblenden führt zwangsläufg in Einzelfällen zu Unfällen.

Mir fällt da zum Beispiel das Fliegen bei Föhn ein, das bei uns im Appenzellerland recht häufig praktiziert wird. Verglichen mit der Anzahl an Föhnflügen in unsrer Gegend passiert eigentlich (reale Zahlen habe ich nicht) "gefühlt" recht wenig. Man weiss aus Erfahrung, wo der Föhn sicher durchbricht (z.B.  Ebenalp/Hoher Kasten), allenfalls durchbricht (z.B. am St.Anton/Oberegg) oder eher nicht durchbricht (Kronberg). Das Risiko scheint kalkulierbar - "Geht doch!"      

Und eben - die vielen Beispiele lassen uns vermuten, dass das immer so sein wird. Das aber stimmt nicht. Dass es nämlich auch ein Quäntchen Glück braucht, damit es gut geht, das gestehen wir uns nicht ein.  Wir wollen ja schliesslich Fliegen.

Mein Gedanke dazu: All diese Beispiele, wo in  "potentiell als gefährlich geltenden" Situationen unfallfrei geflogen wird, bestärken uns darin:  "Geht doch!"     Wenn das Glück aber mal Pause hat, dann passieren sie eben - die Unfälle. 


Video 1: Was war das Problem?

Als Du das Video angeschaut hast - hättest Du die Situation als gefährlich eingestuft? Ich nicht! Sah für mich völlig gut aus, bis dann der Frontklapper passierte.

Hast Du eine Idee, was hier passiert sein könnte? Was war der Grund für den Frontklapper?

Ich selber habe diese 3 möglichen Vermutungen:

1. Dass hier am Startplatz eigentlich ein Rückenwind vorherrschte und nur die Ablösungen den Start gelingen und so gut aussehen liess. Kurz nach dem Start gerät der Gleitschirm dann vermutlich in den Leerotor, der gnadenlos zuschlägt...

2. Als ich das Video langsam anschaute ist mir auf aufgefallen, dass der Pilot kurz vor dem Klapper die linke Bremsschlaufe in die rechte Hand gibt und dann mit der linken Hand zum Beinsack greift, um beim Einziehen der Füsse nachzuhelfen. Genau in diesem Moment kommt der massive Frontklapper. 

3. Als eine weitere Möglichkeit sehe ich, dass der Pilot bei stark gezogenen Bremsen beim Einziehen der Füsse auch den Beschleuniger spannt. Das könnte bei einem EN-D 2-Leiner ebenfalls stark zum Kollaps beigetragen haben.

Mögliche Ursache wäre also Rückenwind, oder auch 'ungünstiges Pilotenverhalten oder wie so oft eine Verquickung dieser Dinge. Das gleichzeitige Eintreffen verschiedener ungünstiger Faktoren kann bei vielen Gleitschirmunfällen beobachtet werden!


Was aber auch immer die Ursache(n) war(en) - ich nehme wieder ganz klar mit, dass nach dem Start nichts - aber auch gar nichts uns davon abhalten sollte, uns auf den Schirm zu konzentrieren! Das ist oberste Maxim, denn genau in dieser Situation kurz nach dem Start sind wir wegen der Nähe des Geländes immer potentiell gefährdet! Wenn Du schon nicht von selber mit den Füssen in den Beinsack kommst, dann kümmere Dich darum, wenn Du genügend Bodenabstand hast für einen Retterwurf!


Beispiel 1:

"Wird schon gut gehn!"

An dieser Stelle danke ich dem betroffenen Piloten für seinen Bericht (nachfolgend), seine Offenheit und seinen Willen, dass durch die Veröffentlichung seiner Schilderung andere etwas lernen können!

Interessant ist auch, dass die Polizeimeldung zum Unfall betreffend dem Hergang des Unfalls nicht präzise war und daher irreführend. Die Kapo St.Gallen schrieb in ihrer Meldung...

Meldung der Kapo: Am Samstagnachmittag (08.11.2025), sind in Unterwasser und Alt St.Johann zwei Gleitschirmpiloten unabhängig voneinander abgestürzt. Ein 69-jähriger Mann wurde dabei leicht, ein 28-jähriger Mann unbestimmt verletzt.

Um 14:10 Uhr startete ein 28-jähriger Mann seinen Gleitschirmflug am Startplatz Chäserugg in Richtung Alt St.Johann. Während des Startvorgangs stolperte er und verfing sich mit den Beinen in den Steuerleinen seines Gleitschirms. Er stürzte, teils durch den Gleitschirm gebremst, kopfüber eine rund 80 Meter hohe Felswand hinunter. Am Fuss der Wand kam der Mann mit unbestimmten Verletzungen zu liegen. Er musste von der Rega ins Spital geflogen werden.

Und hier der Bericht des Piloten:

"Wir flogen vom Hinterugg Nordseite Richtung Unterwasser. Der Tag war absolut perfekt, kein Wind, keine Thermik, strahlend blauer Himmel. Wir hatten bereits zwei Flüge von diesem Spot am Morgen absolviert und planten einen weiteren, bevor wir die Südseite Richtung Walenstadt fliegen würden. Ich flog einen Speed-flyer Gleitschirm mit 11m langen Leinen, den ich seit fast zwei Jahren besitze. Beim dritten Flug bekamen wir jedoch leichten Rückenwind (2 km/h) und entschieden uns nach kurzer Überlegung zum Start, da die Startfläche extrem lang, flach und grasbewachsen ist. Ich hatte außerdem eine imaginäre Linie als letzten möglichen Startabbruchpunkt vor der Klippe markiert. Ich startete als Letzter von uns dreien und bemerkte, dass meine beiden Kollegen deutlich tiefer in die Klippe eintauchten als bei den vorherigen Flügen. Dann war ich an der Reihe. Ich startete und überprüfte, ob der Schirm perfekt über mir war, was der Fall war. Wer mit einer Flare Line fliegt, weiß, dass man normalerweise nicht viel Auftrieb in den Karabinern hat (besonders in flachem Gelände). Ich näherte mich der Felswand, passierte meine letzte Abbruchstelle und beschleunigte so schnell ich konnte, um mich schließlich abzustoßen. Sofort sah und spürte ich, wie der Schirm – wahrscheinlich aufgrund des starken Rückenwinds – extrem abtauchte. Ich sah einen Felsen aus der Felswand ragen und wusste sofort, dass ich es nicht darüber schaffen würde. Meine Füße schlugen so hart auf den Felsen auf, dass ich im Gurtzeug einen Vorwärtssalto machte (der Schirm flog noch). Dabei verfing sich mein Schuh in den Leinen (wahrscheinlich der Bremsleine) und verursachte einen Sturzflug um 180 Grad in die Felsen. Ich sah nur noch, dass mein Schirm über mir war, sich drehte und völlig zerstört war. Ich hatte weder Kontrolle noch Orientierung und prallte noch zweimal gegen die Felswand, bevor ich schließlich auf dem Schneefeld aufschlug, wo ich mich dank meiner Bergschuhe endlich abfangen konnte. Nachdem mir klar wurde, dass ich noch lebte (ein beängstigendes Gefühl!), begriff ich, dass ich, wenn ich hier ohnmächtig würde (was ich für ein paar Sekunden tat), abrutschen und die nächsten 100 Meter über die Klippe stürzen würde, was mit Sicherheit tödlich gewesen wäre. Also wusste ich, dass ich mich 10 Meter zur Seite bewegen musste, wo ich einen Felsen sah, bei dem ich dachte, ich hätte eine Überlebenschance. Zum Glück sah jemand das Chaos und Rega wurde sofort alarmiert.

Ich verließ das Krankenhaus mit zwei gebrochenen Wirbeln und ein paar Kratzern. Keine weiteren Verletzungen, keine Rückenmarksverletzung. Ich werde mich erholen und so schnell wie möglich wieder in der Luft sein. 

Dieser Tag wird definitiv mein zweiter Geburtstag sein. Passt auf euch auf und überlegt es euch zweimal, bevor ihr von Klippen springt."


Mein Gedanke dazu: Wenn man diesen Bericht liest erkennt man, dass durchaus Zweifel bestanden, ob es noch verlässliche Startbedingungen hatte.

- Rückenwind = grundsätzlich ungünstig

- Kollegen sind stark abgetaucht

- Fluggerät mit wenig Auftrieb

Zwei Kollegen konnten zuvor an derselben Stelle starten, ohne dass es zu einem Unfall kam. "Geht doch!" sagt man sich. Ich nehme mal an, dass die beiden nachträglich wohl erkannt haben, welcher Gefahr sie sich ausgesetzt hatten...

Das Missachten von Warnhinweisen ist ein Risiko, dem wir Piloten ausgesetzt sind (human factor) - im Einzelfall kann es zur Katastrophe kommen.

Wir sollten uns auf die Schulter klopfen, wenn wir aus gutem Grund "verzichten"!

Beispiel 2: