Sport oder Hobby - bist Du bereit für 2-Leiner?
Januar 2026
In der Zeitschrift SWISS GLIDER (Verbandsmagazin des SHV) findet sich in der Ausgabe 1/26 ein Beitrag zum Thema Sicherheit. Ich hatte auf eine aufschlussreichere Auswertung gehofft, aber offenbar ist man noch nicht so weit, mehr Details zu der offenbar hohen Anzahl an Unfällen im vergangenen Jahr zu sagen. Der folgende Satz zeigt aber vielleicht in der Konklusion einen wichtigen Aspekt auf, den ich hier in der Folge aufnehmen möchte...
(Zitat aus SWISS GLIDER 1/26, Seite 37) "In den Unfallstatistiken der letzten Jahre und speziell in der Unfallserie 2025 zeigt sich immer mehr: Bei A- und B-Schirmen sind die Unfallmuster sehr unterschiedlich und breit gestreut. Bei 2-Leinern ist es in den allermeisten Fällen ein Kontrollverlust in der Flugphase, der danach zu einem Absturz führt."
Was leite ich davon ab? Davon ausgehend, dass die Linie zwischen Hobby- und Sportpiloten irgendwo entlang der Unterscheidung 2-Leiner oder mehr als 2 Leinen verläuft (Man könnte auch sagen entlang der B/C Linie), dann erfahren PilotenInnen mit A- und B- Schirmen typischer Weise wenige Unfälle aufgrund der Schirmcharakteristik - dafür aber vermutlich mehr "Anfängerfehler" oder auch Probleme mangels Routine (Wetter, Landeeinteilung, Hindernisse, Unsicherheit etc.). 2-Leinern betreffend lässt sich folgern, dass die entsprechenden PilotenInnen in der Regel keine solchen Anfängerfehler mehr machen, oder zumindest deutlich weniger. Dafür aber sind sie offenbar in gewissen Situationen mit dem Verhalten ihrer Gleitschirme überfordert.
Das führt mich zu dem Gedanken, dass wir uns als GleitschirmpilotenInnen gewissermassen fragen und entscheiden müssen: Ist das Gleitschirmfliegen für mich ein Hobby, das ich mit genüsslichen Flügen und wunderbaren Hike&Flys erleben möchte, oder betrachte ich das Gleitschirmfliegen als Sport? Sobald Sport als Motivation im Vordergrund steht muss das Konsequenzen haben betreffend Ausrüstung, Intensität (Anzahl/Dauer der Flüge), Weiterbildung, intensivere Auseinandersetzung mit Theorie, Meteo usw. Und das aus meiner Sicht unabhängig davon, ob Du deinen Sport nun mit einem high-B oder einem C-Schirm (oder höher) ausübst. Wenn wir überlegen, was Sportler in anderen Sportarten u.a. auszeichnet: Körperliches Training, taktische/spielerische oder technische Anleitung (durch TrainerIn), das Lernen im Team und sehr oft auch eine gewisse Aufopferung für den Sport. Dies alles sind Voraussetzungen, um einerseits im Wettkampf hohe Leistungen erzielen zu können, aber auch, um die Belastungen und Risiken des Sports besser bestehen zu können.
An diesem Punkt denke ich, besteht bei uns Gleitschirmsportlern ein Problem. Die wenigsten entwickeln sich nämlich unter Anleitung und die Antwort auf die Frage, ob man den Belastungen und Risiken des Sports gewachsen ist obliegt allein der eigenen Beurteilung. Wir gehen zwar Fliegen, aber sehen es wohl nur selten als Training. Wir setzen uns zu wenig oft und intensiv mit Grundlagen auseinander. Wir haben keinen Trainer und bekommen daher auch keine Anleitung, keine Zielvorgaben und kein feed-back. Das aber wären wichtige Bausteine einer sportlichen Entwicklung...Wer in einer Liga (H&F, XC oder Comp.) mitmacht kann das dort vermutlich entwickeln. Die Vereinsarbeit aber ist damit klar überfordert.
Soweit meine Gedanken - und auch hier nicht mit dem Anspruch abschliessend oder umfassend zu sein. Einen Anstoss sollen sie geben...
Rückblick auf 35 Jahre Gleitschirmsport
Mittlerweile fliege ich seit 35 Jahren Gleitschirm und ich kann sagen - seit dem 1. freien Flug mit klar sportlichen Ambitionen. In der ersten Phase als selbständiger Pilot bin ich (natürlich ohne Trainer, ohne Konzept und auch ohne grosse Ueberlegungen) zwangsläufig ständig an meine Grenzen gegangen. 1 gutes Jahr nach dem Brevet kam mein erster Hochleister - ein kleiner Paratech P4. Mit ihm erlebte ich die erste unfreiwillige Vrille. Mit dem nachfolgenden P5 Prototyp flog ich bereits einen Wettkampfschirm und büsste meine Unerfahrenheit mit einem glücklicherweise folgenlosen Absturz. Die Phase der Entwicklung zum Hochleisterpilot war also gefährlich - ich habe sie zum Glück schadlos überstanden. Die wesentlichsten Probleme sehe ich im Rückblick in dem Mangel an Betreuung, in der sportlichen Forcierung durch das Umfeld und dem Fehlen einer persönlichen mentalen Auseinandersetzung mit Material und Gefahren.
In der Folge flog ich Hochleister um Hochleister und das ohne schwerwiegende Probleme. Einmal auf einem gewissen Level angekommen war ich also für den Gleitschirmsport gerüstet, sozusagen. 2016 reizte es mich dann, nochmal einen Schritt vorwärts zu machen und ich kaufte einen CCC Schirm (GIN Boomerang 10). Diesen flog ich zwar defensiv während einem guten Jahr, aber dennoch erlebte ich daran 4 massive Frontklapper. Nach dem 4. Frontklapper fand ich, dass ich mit dem Schirm letztlich überfordert war und ich trennte mich davon. Am Ende der Saison 2021 verkaufte ich meinen letzten Hochleister (FLOW XC-Racer) in der Ueberzeugung, diesen nur noch defensiv einsetzen zu können. Ich fühlte mich den Anforderungen eines Hochleisters nicht mehr gewachsen und ich wusste, dass ich aufgrund meines Alters (damals 62 Jahre) immer schlechtere Reaktionen haben würde. Ja und eigentlich hatte ich auch gar keine Lust mehr auf Zwischenfälle, die mir in den Jahren zuvor keinen Schrecken eingejagt hatten. Mittlerweile fliege ich EN-C Schirme und habe mega Spass damit auf Strecke zu gehen. Auf einem C2-Leiner erlebte ich bisher einmal einen schweren Zwischenfall, den ich mit meiner Erfahrung meistern konnte. Sollte auch diese Kategorie irgendwann gefühlt zu hoch für mich sein werde ich weiter auf der Anspruchsleiter weiter hinuntersteigen.
So gesehen beschreibt mein Fliegerleben wie eine Kurve, die zuerst rasch aufsteigt und nun wieder nach unten zeigt.... Ich bin sehr froh, dass ich mit dem "downsizing" keine Probleme habe. Das Wichtigste ist doch - Fliegen zu können!
Und nun zur Frage - bist Du bereit für den 2-Leiner?
Ich denke, wenn wir nochmal das obige Zitat aus dem SWISS GLIDER bedenken, dann ist klar, dass Zweileiner einzig und eindeutig dem Gleitschirmsport zuzuordnen sind. Sie stellen Anforderungen, die ich eigentlich schon anfangs 2023 in meinem Video "ENC-Zweileiner - was ist da neu?" https://youtu.be/pljwu3KhA0k formuliert habe. Aufgrund der eigentlich sehr hohen Eigenstabilität einer Zweileinerkalotte ergibt sich eine einfache Schlussfolgerung - im Falle einer Störung erfolgt diese auf einem sehr hohen Niveau. Diesem Niveau kannst Du als Hobby-PilotIn nicht genügen! Und ob du dieser Anforderung als Sportpilot genügst bleibt letztlich Deinem persönlichen Training und deiner eigenen Beurteilung überlassen.
2-Leiner erfordern ein sehr hohes Schirmgefühl - damit lassen sich Klapper und Strömungsabrisse meist im Ansatz verhindern - die Störungen, die man nicht vermeiden kann aber sind eine echte Herausforderung. Das habe auch ich so erlebt. Ist man diesen Herausforderungen ncht gewachsen (siehe auch Deine skills sind mitentscheidend!) wird das Ueberleben einer Störung zur Glücksache.
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